China, KI und IT / OT-Sicherheit: Was europäische Unternehmen jetzt wissen sollten
Persönliche Eindrücke aus Shanghai – Juni 2026
Während meines Aufenthalts in Shanghai habe ich nicht nur die neuesten Smartphones und KI-Lösungen der großen Technologiekonzerne betrachtet. Als IT-Sicherheitsberater interessierte mich vor allem eine andere Frage:
Wie weit ist China heute bei Cybersecurity, künstlicher Intelligenz und digitaler Überwachung tatsächlich? Was sind die Neuheiten in OT-Security? Wie sichern große Produzenten ihre OT-Systeme ab?
Dazu habe ich die FAC TEC Fachmesse in Shanghai besucht und die Antwort hat mich überrascht.
China ist längst nicht mehr nur Produktionsstandort oder günstiger Hardware-Lieferant. In vielen Bereichen der IT-Sicherheit, KI-gestützten Überwachung und intelligenten Netzwerkinfrastruktur sowie OT-Security gehört das Land mittlerweile zur Weltspitze.
Für europäische Unternehmen entstehen dadurch gleichermaßen Chancen und Risiken.
Die neue Realität: China entwickelt nicht mehr nur Hardware
Lange Zeit wurden chinesische Technologieunternehmen vor allem als Hersteller günstiger Geräte wahrgenommen.
Heute sieht die Situation anders aus.
Unternehmen wie Huawei, Hikvision, Dahua oder SenseTime entwickeln komplette Plattformen aus:
- Hardware
- Software
- künstlicher Intelligenz
- Cloud-Diensten
- Sicherheitslösungen
- Datenanalyse
Dabei entstehen integrierte Ökosysteme, die von der Kamera über die Firewall bis hin zum Security Operations Center reichen.
Genau diese Verzahnung macht viele chinesische Lösungen technologisch so leistungsfähig.
Huawei: Vom Netzwerkausrüster zum Sicherheitsanbieter
Viele Unternehmen kennen Huawei vor allem aus dem Bereich Netzwerktechnik.
Weniger bekannt ist, wie stark Huawei inzwischen im Bereich Cybersecurity investiert.
Während meines Besuchs wurde deutlich, dass Huawei seine Sicherheitslösungen konsequent auf die Themen:
- Zero Trust
- KI-gestützte Bedrohungserkennung
- Automatisierte Sicherheitsprozesse
- Secure Access Service Edge (SASE)
ausrichtet.
Der Trend geht dabei weg von reaktiver Sicherheit hin zu Systemen, die Bedrohungen selbstständig erkennen, bewerten und Gegenmaßnahmen einleiten.
Für europäische Unternehmen ergibt sich daraus eine interessante Fragestellung:
Wie bewertet man technologisch leistungsfähige Lösungen, wenn gleichzeitig geopolitische Risiken und regulatorische Anforderungen berücksichtigt werden müssen?
Diese Diskussion wird uns in Europa in den kommenden Jahren verstärkt begleiten.
Der Aufstieg des autonomen Security Operations Centers
Ein weiterer Trend, der mir in China besonders aufgefallen ist, betrifft die nächste Generation von Security Operations Centern (SOC).
Künstliche Intelligenz übernimmt dort zunehmend Aufgaben, die bislang von Sicherheitsteams durchgeführt wurden:
- Erkennung von Angriffen
- Priorisierung von Vorfällen
- Analyse verdächtiger Aktivitäten
- Automatische Reaktion auf Bedrohungen
Die Vision dahinter ist klar:
Ein SOC soll zukünftig nicht nur Alarme erzeugen, sondern aktiv handeln.
In vielen chinesischen Unternehmen ist dieser Wandel bereits sichtbar.
Europa wird diesen Weg ebenfalls gehen müssen – nicht zuletzt aufgrund des Fachkräftemangels im Bereich Cybersecurity.
Intelligente Videoüberwachung erreicht eine neue Dimension
Besonders beeindruckend waren die Fortschritte im Bereich intelligenter Videoanalyse.
Moderne Kameras erkennen heute nicht mehr nur Bewegungen.
Sie analysieren:
- Personenströme
- Verkehrsbewegungen
- ungewöhnliches Verhalten
- sicherheitsrelevante Ereignisse
direkt auf dem Gerät.
Die Kamera wird damit zunehmend zum Sensor einer umfassenden Sicherheitsplattform.
Technisch ist diese Entwicklung faszinierend.
Gleichzeitig entstehen neue Fragestellungen hinsichtlich Datenschutz, Transparenz und Compliance.
Gerade in Europa müssen Unternehmen sicherstellen, dass der Einsatz solcher Technologien mit den Anforderungen der DSGVO und zukünftigen KI-Regulierungen vereinbar bleibt.
Die unbekannten KI-Giganten
Während Namen wie Huawei oder Xiaomi vielen bekannt sind, gibt es in China weitere Unternehmen, die außerhalb Asiens kaum wahrgenommen werden.
Dazu gehören beispielsweise Anbieter von Gesichtserkennung, biometrischen Verfahren und KI-Algorithmen.
Diese Technologien finden sich heute in:
- Flughäfen
- Zugangskontrollsystemen
- Smart-City-Projekten
- Finanzdienstleistungen
- Identitätsprüfungen
Viele europäische Unternehmen nutzen entsprechende Technologien bereits indirekt über internationale Plattformen oder OEM-Partner.
Deshalb wird es künftig immer wichtiger, die Herkunft von Algorithmen und Komponenten entlang der gesamten Lieferkette zu verstehen. Stichwort NIS 2.
Cybersecurity wird zunehmend geopolitisch
Eine Erkenntnis aus meinen Gesprächen in Shanghai war besonders deutlich:
Technologie und Geopolitik lassen sich heute kaum noch voneinander trennen.
Fragen, die früher rein technisch beantwortet wurden, haben heute oft auch strategische Dimensionen:
- Wo werden Daten verarbeitet?
- Wer kontrolliert die Software?
- Welche gesetzlichen Rahmenbedingungen gelten?
- Welche Abhängigkeiten entstehen?
Diese Fragen betreffen nicht nur Regierungen oder kritische Infrastrukturen.
Sie werden zunehmend auch für mittelständische Unternehmen relevant.
Die nächste Herausforderung: KI-gestützte Angriffe
Während Unternehmen künstliche Intelligenz zur Verteidigung einsetzen, nutzen Angreifer dieselben Technologien.
Bereits heute sehen wir:
- automatisierte Phishing-Kampagnen
- KI-generierte Schadsoftware
- täuschend echte Deepfakes
- automatisierte Social-Engineering-Angriffe
Die Qualität dieser Angriffe nimmt rapide zu.
Damit verändert sich auch die Rolle der IT-Sicherheit.
Technische Schutzmaßnahmen allein reichen künftig nicht mehr aus.
Awareness, Prozesse und schnelle Reaktionsfähigkeit werden noch wichtiger.
Was sollten europäische Unternehmen jetzt tun?
Aus meiner Sicht ergeben sich fünf konkrete Handlungsfelder:
1. Technologielandschaft kennen
Unternehmen sollten Transparenz darüber schaffen, welche Komponenten und Plattformen aus welchen Ländern stammen. Stichwort SBOM.
2. Zero Trust vorantreiben
Der klassische Netzwerkperimeter verliert zunehmend an Bedeutung.
Identitäten, Geräte und Anwendungen müssen kontinuierlich überprüft werden.
3. KI in die Sicherheitsstrategie integrieren
Nicht nur Angreifer nutzen KI.
Auch Verteidiger müssen lernen, diese Technologien gezielt einzusetzen.
4. Lieferketten bewerten
Die Herkunft von Software, Hardware und Algorithmen wird künftig stärker in den Fokus rücken.
5. Compliance frühzeitig berücksichtigen
EU AI Act, NIS2, DORA und Datenschutzanforderungen werden die Rahmenbedingungen der nächsten Jahre maßgeblich bestimmen.
Mein Fazit
Nach meinem Besuch in Shanghai lautet mein persönliches Fazit:
China ist längst nicht mehr nur ein wichtiger Technologiemarkt.
China entwickelt sich zunehmend zu einem der weltweit bedeutendsten Innovationstreiber im Bereich Cybersecurity, künstliche Intelligenz und digitale Infrastruktur.
Für europäische Unternehmen bedeutet das jedoch nicht, jede Technologie unkritisch zu übernehmen. Aber auch nicht wie die Amerikaner die führenden Firmen zu sanktionieren oder zu verteufeln.
Die eigentliche Herausforderung besteht darin, technologische Chancen, regulatorische Anforderungen und geopolitische Risiken gleichzeitig zu bewerten.
Die Unternehmen, die diese Balance heute aktiv gestalten, werden morgen deutlich besser aufgestellt sein als jene, die erst reagieren, wenn neue Regulierungen oder Sicherheitsvorfälle sie dazu zwingen.
Über den Autor
Martin Schober
IT-Security Architect | AI Consultant | ISO 27001 Senior Lead Auditor | ECSA
